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BAYREUTH 11. Juli 2004 – Interview mit Gert-Dieter Meier vom Nordbayerischen Kurier

KURIER: Uwe Hoppe zurück in Bayreuth. Was erwartet uns denn in diesem Sommer an neuen Produktionen und neuen Einfällen?
Hoppe: Zum einen werde ich mit einem Solo-Musical über Zarah Leander meine Bayreuth-Premiere haben. Damit habe ich zuvor schon in Kiel, Stuttgart und Düsseldorf überwältigende Erfolge gefeiert. Fand übrigens auch die Presse dort – aber die fränkische Presse wird das wohl wieder mal anders sehen. . .

KURIER: Wobei die Meinungen über den "singenden Hoppe" ja schon seit Jahren weit auseinander gehen.
Hoppe: Eigentlich nur in Bayreuth. In anderen Städten weiß man offenbar, wie Chansons zu singen sind. Und dass es dabei nicht unbedingt auf perfekte Intonation ankommt, sondern auf perfekten Ausdruck. Und ich habe ja Chanson-Gesang studiert und eben nicht Operngesang. Diesen Unterschied kenne ich wohl...

KURIER: Was ist denn so anders bei Ihrem Zarah-Leander-Programm?
Hoppe: Es ist eben kein herkömmlicher Chansonabend mit Zwischentexten, sondern ein Ein-Personen-Theaterstück mit Songs. Ein Solomusical also. Ich werde begleitet von Hans-Martin Gräbner, einem der, wie ich wirklich finde, weltbesten Begleiter für Chansons.

KURIER: "Selige Öde auf sonniger Höh" – das ist der Titel der neuen Produktion dieses Hoppe-Sommers. Neuer Sprengstoff?
Hoppe: Der Titel ist in der Tat schon lange vor dem ersten Vorhang heftig umstritten. Dabei wissen wir doch alle, dass es sich um ein ganz bekanntes Zitat aus Siegfried, Dritter Akt, Zweite Szene, handelt. Das geht so los. Und dann heißt es weiter: "Was ruht dort schlummernd im schattigen Tann?"

KURIER: Ja eben: was schlummert denn in diesem Stück?
Hoppe: Das Stück handelt von vier Jugendlichen in Bayreuth im letzten Festspielsommer vor der Machtergreifung durch Herrn Hitler. Die haben Briefe entdeckt und herausgerissene Tagebuchseiten über das Verhältnis von Ludwig und Richard Wagner. Und machen daraus ein Theaterstück, das sie auch aufführen. Fertig.

KURIER: Ein ernster Hintergrund. Kann denn dann so ein Stück überhaupt noch heiter sein?
Hoppe: Natürlich wird es immer heiter, wenn vier Jugendliche Ludwig und Richard nachspielen. Das ist immer gepaart mit Komik. Deshalb war es von Anfang an auch unsere Absicht, eine Geschichte zu erfinden, die bei aller ernsthaften Diskussion drängender Fragen – "was passiert da zwischen Künstler und Politik beziehungsweise zwischen Regierungschef und Reststaat" – noch heiter über die Rampe kommen kann. Insbesondere erschien uns interessant die Parallele zwischen dem verführbaren, träumerischen und nicht immer realistischen Ludwig, der mit 18 Jahren Richard Wagner kennen lernt, und dem historischen Kontext um 1931, als ja das Thema Verführbarkeit eine gewichtige Rolle spielte. Wo ja auch mit dem Namen Richard Wagner Schindluder getrieben wurde, indem dieser sogar zum Staatskomponisten ernannt wurde, wobei er sicherlich nie ein faschistischer Komponist war. Aber eben benutzbar, wie alle anderen auch.

KURIER: Fällt das nicht total raus aus der bisherigen Konzeption der Hoppe'schen Wagner-Adaptionen?
Hoppe: Es fällt völlig aus dem Rahmen, ja. Hat damit fast nichts mehr zu tun. Einzig das Spiel mit dem Spiel erscheint mir typisch für mich zu sein. Aber das Sujet ist ein völlig anderes. Das man so vermutlich auch noch nicht gesehen hat. Ich habe mich ja bislang, obwohl ich schon viel mit Wagner gemacht habe, vor "Biographischem Theater" gedrückt. Aber im Moment erscheint mir das überaus reizvoll.

KURIER: Bei Hoppe kann man ja nie vor Überraschungen sicher sein. Kommt denn irgendjemand vor, den man kennt?
Hoppe: Na klar: Ludwig, Richard und andere. Natürlich kommen andere Personen aus den 30-er Jahren vor – zwar nicht auf der Bühne, aber sie werden doch genannt.

KURIER: Es darf also wieder gerätselt werden: War das nicht „derundder“?
Hoppe: Es darf gerätselt werden, ja! Das soll ja bei einem spannenden, lokal bezogenen Stück so sein.

KURIER: Werden Sie denn, mit diesem Stück, ein stückweit ernster?
Hoppe: Das ist eine ganz blöde Frage! Ich glaube ja, dass ich mit Stücken wie 'Schafe, Hirt und Hunde', 'Waldeslustspiel', ,Parzival' oder 'Ring der Niederungen' außerordentlich ernst war. Natürlich steckten da komödiantischen Elemente drin, weil mir das ein wichtiges Ansinnen ist. Aber mindestens 80 Prozent meiner Stücke sind ernst. Auch die Art des Schreibens – mit verschiedenen Ebenen, dem Wechsel zwischen Realität und Spiel und behaupteter Realität – ist nicht ganz neu. Ich meine, die Kombination ist neu. Und womöglich etwas gereifter. Die Kollegen quälen sich jedenfalls mit dem Text sehr ab.

KURIER: Wie setzt sich den Hoppe heute zusammen? Wieviel Sänger, Schauspieler, Regisseur, Stückeschreiber ist er?
Hoppe: Ich bin – leider – immer weniger Schauspieler, obwohl mir die Spielerei immer mehr Spaß macht. Je älter man wird, desto weniger muss man ackern... Das meiste Geld verdiene ich mit Regie. Obwohl ja die Lage der Theater alles andere als rosig ist und überall zuerst an Gastbudgets gespart wird.

KURIER: Bringt es denn dem Autor etwas, wenn noch ein Stück Regisseur in ihm steckt?
Hoppe: Auf alle Fälle! Ich glaube, dass ich wie bei meiner ersten Arbeit ganz spezifisch auf die Schauspieler zuschreibe. Das ist mir ganz wichtig. Weshalb ich ein Stück auch immer erst dann schreibe, wenn ich weiß, wo die Premiere ist und wer welche Rolle spielt. Meine großen Vorbilder Shakespeare, Nestroy, Molière haben das genauso gemacht.

KURIER: Ist es eigentlich denkbar, dass Sie sich irgendwann mal von Wagner abwenden? Dass er Sie anödet? Schließlich ist Wagner, sein Werk, sein Wirken doch einer Ihrer zentralen Motivatoren?
Hoppe: Das hat sicherlich mit dem Ort zu tun. Ich finde, dass Schreiber, die irgendwo fest sitzen, ihre Lokalität beschreiben sollten. Wagner ist in Bayreuth nun mal ein reizvolles Thema und wird es die nächsten hundert Jahre wohl auch bleiben. Ein unerschöpfliches Feld!

KURIER: Man hat den Eindruck, dass heuer das Interesse an den Festspielen, dem Drumherum, an Bayreuth wieder besonders groß ist. Der ist ja offenbar nicht tot zu kriegen!
Hoppe: Ist er auch nicht. Schließlich ist er einer der bedeutendsten – wenn nicht DER Bedeutendste – Komponisten des 19. Jahrhunderts. Und in seiner Vielschichtigkeit so weit interpretierbar, dass man ihn immer wieder neu sehen kann.

KURIER: Ist der Bayreuther Sommer auch für Sie eine Herausforderung?
Hoppe: Mich reizt der Bayreuther Sommer unglaublich, ja. So ein Schlingensief-Sommer ist spannend. Auch die Frage, wie sich Schlaufuchs Wolfgang aus dem Desaster windet, dass Lars von Trier abgesagt hat, ist spannend. Wobei ich jede Krise als Chance ansehe, an die man zuvor nie gedacht hat.