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Kritik: "Selige Öde auf
sonniger Höh – Ludwig II
von Bayern und Richard Wagner"
Packende Uraufführung von Uwe Hoppes
neuem Werk "Selige Öde auf sonniger Höh"
Ein Baumhaus, eine Höhle, ein Keller. Fast jedes Kind hat
seine Rückzugsflächen, die nicht nur wunderbar konspirativ,
sondern vor allem Quell für kindliche Kreativität aller Art
sind. Hier ist man Kind, hier darf man sich seinen Fantastereien hingeben.
Ohne gleich wieder, natürlich von einem Erwachsenen, auf den ach
so nüchternen Boden der Realität heruntergeholt zu werden.
In einem solch konspirativen Ort hat Uwe Hoppe, Bayreuths kreatives Multitalent,
sein neuestes Stück angesiedelt: "Selige Öde auf sonniger
Höh", das am Samstag uraufgeführt wurde. Der Titel verrät's:
Es geht um Wagner. Irgendwie. Es geht aber auch um Ludwig II. Es geht
um Bayreuth, die Festspiele, DIE Wagners. Und es geht um Onkel Wolf. Eine
vermeintlich explosive Mischung also für ein Stück (heiteres?)
Sommertheater der Studiobühne im Hof des Steingraeber-Palais. Zumal
in dem Stück fast nur Kinder spielen. Die ja, das Sprichwort lehrt's,
neben den Narren Garanten für Wahrheiten aller Art sein sollen.
Onkel Wolf zum Tee Vier Kinder also, im Alter zwischen zwölf und
15 Jahren. Maus, der Kurze, der Kleine und der Große. Unschwer zu
erkennen im Verlauf des Stücks als Wieland, Friedelind, Wolfgang
und Verena. Sie tummeln sich in ihrem Versteck auf dem Dachboden. Und
aus ihren Unterhaltungen erfährt man rasch, in welchem Haus wir uns
befinden: Villa Wahnfried. Oben spielen die Kinder, unten sitzen Onkel
Wolf (Adolf Hitler) und Onkel Heinz (Heinz Tietjen) beim Tee mit Mama
– natürlich Winifred.
Hier setzt Hoppes Zwei-Ebenen-Spiel an. Ebene eins kreist um die Geschichte
der Familie selbst. Ebene zwei thematisiert das Verhältnis des Meisters
mit dem König, und zwar in Form eines Theaterstückes von Maus,
dem zweitältesten der vier Kinder. Ein Stück, das sie dem mittlerweile
verstorbenen Vater (Siegfried Wagner) geschrieben hatte, das aber nie
aufgeführt werden durfte. Und das sie nun, am ersten Todestag des
Vaters, um dessen Homosexualität sich die Kinder immer wieder streiten,
heimlich nachspielen.
Hoppes furiose Wagner-Mixtur in vorteilhaft-zurückhaltenden Bühnenbildern
von Daniel Reim und den Kostümen von Heike Betz offenbart nicht wirklich
Neues. Wie sollte sie auch. Das Leben der Wagners, das Verhältnis
Wagner-Ludwig und Hitler-Wagner ist längst ausgeleuchtet, hinreichend
erforscht und tausendfach erzählt. Und doch nimmt es gefangen, wenn
da, quasi aus der Kinderperspektive, das doppelte Spiel der Macht erzählt,
vorgelebt wird. Dabei ist es nicht der Autor dieses Stückes, sondern
es sind die Erzählungen der Kinder, die uns Figuren plötzlich
plastisch erscheinen, Zusammenhänge deutlich werden lassen. Wenn
etwa Maus über ihr gebrochenes Verhältnis zur Mutter spricht.
Der sie einfach nicht verzeihen will, dass sie ein Jahr nach dem Tod des
Vaters schon wieder um Männer buhlt. Genau: zwei Männer. Hier
Onkel Wolf, da Onkel Heinz. Onkel Wolf braucht sie für alles Große,
Politische, Deutsche. Onkel Heinz hält sie sich für alles Künstlerische,
Praktische, Bayreutherische. Die Kinder fantasieren um diese Beziehungskiste
herum, wer denn nun ihr neuer Papa werde und wie toll es doch gewesen
sei, als alle hurra geschrien hätten bei Onkel Wolfs Reden.
Köstlich amüsant auch die Darstellung der homoerotischen Beziehungen
Richards mit Ludwig II. Auch hierbei gilt: Es gibt nach diesem Stück
keine neue Faktenlage, die Geschichte muss auch nicht umgeschrieben werden.
Allein: Die dichte, schwülstige, an Wortkaskaden reiche Schilderung
der gegenseitigen Liebe und Hochachtung, die Auflistung der visionären
Abenteuerlust dieser ach so unterschiedlichen Exzentriker, sie berauscht
förmlich die Sinne.
Geschuldet ist das auch und vor allem der Leistung der Schauspieler. Allen
voran Dominik Kern, der den Großen und als solcher auch König
Ludwig spielt, und Barbara Dörfler, die die quirlige Kleine mimt
und als solche einen wunderbaren Richard Wagner verkörpert. Wenn
Ludwig und Richard aufeinander treffen, dann ist das zwar meist zutiefst
ernst, aber in der Zuspitzung der Ernsthaftigkeit doch urkomisch. Da mutiert
das kongeniale Doppel mitunter auch zur Lachnummer. Und im Hintergrund,
in weiter Ferne, hören wir dazu Wagnerklänge, gespielt von Hans
Martin Gräbner. Hoppe, der Autor und Regisseur dieses Stücks
also ein Königsverächter, einer, der am Denkmal Wagner kratzt?
Mitnichten. Schließlich zeigt er doch nur, wie die Wagnerkinder
selbst ihren Opa mit dem merkwürdigen Hang zum König wohl gesehen
haben dürften.
Es war Mord! Zwei Thesen gibt uns Hoppe schließlich noch mit auf
den Weg. Die eine: Ludwig nahm sich nicht etwa das Leben, er wurde ermordet.
Hoppe legt die Ankündigung des Mordes Staatsminister von Gudden (vor
allem in dieser Rolle bestechend: Julian Birkner) in den Mund: "Man
muss ihn töten! Er ist ja überraschenderweise tatsächlich
wahnsinnig. Wirklich und wahrhaftig. Wir hatten uns das zwar nur ausgedacht,
um endlich seine Schlösser zu Museen umgestalten zu können,
um damit Geld zu verdienen, aber er ist in Wirklichkeit schon nicht mehr
von dieser Welt."
Die andere These ist sozusagen eine Schlussbilanz Richard Wagners – die
vor allem für die Bayreuther eher traurig ausfällt. Wagner in
Venedig, kurz vor seinem Tod: "Ein neues Reich wollten wir bauen,
eine gleißende Hauptstadt, Musiktheaterhauptstadt der ganzen Welt
hätte München werden können und Bayern ein Land der Kunst,
Kultur, des Fortschritts, der Freiheit, der Toleranz, ein zweites Arkadien
. . . und stattdessen Verbannung. Und nicht einmal der Tod – nein, schlimmer:
Bayreuth."
Nicht Hitler, Wagner . . . Am Ende wird's noch mal richtig spannend. Weil
Hoppe die beiden bislang getrennten Ebenen zusammenführt. Mitten
in einen Monolog des Ministers von Gudden, der darüber nachdenkt,
wie man den Königsfimmel des bayerischen Volks nach dem Tod des Monarchen
geschickt für die neuen Staatsgeschäfte nutzen könnte ("Wenn
man den Wahn bannte, indem man ihn mitmachte, wie leicht ließe sich
das blöde Volk leiten . . ."), übernimmt Maus die Bühne.
Das Mädchen mit den blonden Zöpfen (eine ausgezeichnete schauspielerische
Leistung: Christian Schmidt) tritt in Lederhosen und Hitlerschnauzer auf.
Onkel Wolf, der sich als der wahre Testamentsvollstrecker Richard Wagners
versteht, redet sich warm. Schwadroniert kalt über DEN Juden und
DAS deutsche Wesen, so dass es einem kalt den Rücken runterläuft.
Die Theater spielenden Kinder begehren auf, wollen die Schwester bremsen.
Die aber lässt nicht locker. Bis sie am Ende verrät, dass es
sich bei diesen Worten nicht um die Worte des Onkels Wolf, sondern um
authentische Hirngespinste des Meisters – des eigenen Opas – gehandelt
habe. Wagner, Ludwig und Hitler – alle drei wahnsinnig, irgendwie? Ein
jeder denke sich seinen Teil.
Ein feines, hintersinniges, erhellendes und trotz dem Hang zum Klamauk
durchaus ernstes Mehr-Ebenen-Spiel hat uns Hoppe mit diesem Experiment
geschenkt. Denn erstmals kreisen seine Wagnereien ja nicht um ein Werk
des Meisters, sondern um den Meister selbst. Und um seine Familie und
deren Geschichte. Da bleibt – natürlich – viel Platz zum Rätselraten
(Wer ist wer?), zum Mutmaßen (Hat das jetzt der Hoppe gemeint, ein
Kind oder ist es gar ein Originalzitat?), zum Aufregen. Aber auch zum
Lachen. Nur eines hätte das Stück nach zwei Stunden sicherlich
verdient: einen besseren Schluss. Der kommt, in Form des "Mausmarsches",
vergleichsweise unspektakulär daher. Gleichwohl: Einmal mehr gutes
Sommertheater am Rande des Hügels. Nicht nur für Wagnerfreunde.
Wahn, Wahn, überall Wahn: Die Beziehung von Richard Wagner (Barbara
Dörfler) und König Ludwig (Dominik Kern) wird in Uwe Hoppes
neuem Werk "Selige Öde auf sonniger Höh", das am Samstag
seine Uraufführung erlebte, spielerisch-heiter unter die Lupe genommen.
von Gert-Dieter Meier
Nordbayerischer Kurier – 18. Juli 2004
Bayreuth
„Selige Öde auf sonniger Höh“,
so heißt das Stück im Stück, ist auch der Titel
der neuesten Produktion von Uwe Hoppe, die im Steingraeber Hoftheater
Bayreuth uraufgeführt wurde.
Die Maus besteht auf Werktreue. Jetzt schon erst Recht. Ihr Stück,
das sie für ihren geliebten Vater geschrieben hat, durfte aus Pietätgründen
zu dessen 60. Geburtstag nicht aufgeführt werden. Jetzt ist er tot
und die Kinder spielen in ihrem Geheimversteck auf dem Dachboden, während
die Mutter unten mit zwei „Onkels“ Kaffee trinkt. Es spielt
an einem Junitag Anfang der 30er Jahre des vergangen Jahrhunderts.
Uwe Hoppe, der manische Wagnerianer, der durch seine Paraphrasen Aufsehen
und Ansehen erregte, widmet sich erstmals nicht mehr dem Werk des Meisters,
sondern seinem Privatleben. Dabei erzählt er uns nichts wirklich
Neues, nur eben alles in Hoppescher Manier überspitzt.
In diesem Theater im Theater erlebt der Zuschauer auf amüsante Weise
die Familie Wagner in den Kriegsjahren, als Adolf Hitler bei Witwe Winifred
ein und aus ging und die Kinder Wolfgang, Wieland, Verena und Friedelinde
als spendabler Onkel umgarnte. Mit ihm zusammen buhlt bald Heinz Tietjen
um die Gunst der Witwe. Beide sind der Tochter ein Dorn im Auge. Aber
vor allem ist es die Bereitwilligkeit der Mutter, sich auf zwei Männer
einzulassen, die Maus furchtbar erbost.
Darüber schiebt sich die Ebene des Theaters im Theater: Das Spiel,
das Maus alias Verena sich ausdenkt, behandelt das innige Verhältnis
ihres Großvater zu König Ludwig II.
Hoppe überzeichnet auf drastische Weise das Liebesverhältnis
beider Männer. In konzentrischen Kreisen lässt er den obsessiven
Ring um sie fester zurren. Während Wagner sich zu Cosima rettet,
verzweifelt der König an der vermeintlichen Untreue des angebeteten
Künstlers und zerbricht daran.
Zugleich kommt das Projekt zum Festspielhaus voran. Nur eben nicht München
wird das Kulturzentrum werden, sondern Bayreuth. Ein Schock für Wagner,
ein Kulturschock: „Verbannung.., nicht Tod, nein schlimmer...Bayreuth!!“
Dabei hat Hoppe sich ein brillantes Ensemble zusammengestellt aus Spielern
der Studiobühne und freien Schauspielern. Herausragend Dominik Kern
als der Große und als Ludwig: Kern verausgabt sich bis hinein in
einen physischen, schweißtreibenden Kraftakt, wenn er mit seinem
Krönungsmantel kämpfend verzweifelte Monologe über die
Langweile des Herrschens hält.
Zornesausbrüche und schleimige Schmeichelei
Ganz anders, aber genauso grandios tobt Barbara Dörfler als Kleine
und Richard Wagner: Umtriebig und quirlig verrenkt sie sich akrobatisch
korrekt und wechselt von Zornesausbrüchen zu schleimigen Schmeicheleien
als wärs ein Stück von ihr. Christian Schmidt als Maus behält
die Zügel in der Hand, bis sie ihm gegen Ende des eigenen Stücks
entrissen werden. Da versteigt sich die Maus und tritt selbst in Krachledernen
als Führer auf und rezitiert Weltanschauliches, das sich, oh Schreck,
nicht etwas als Zitat aus „Mein Kampf“, sondern als Originalton
des Meisters höchstpersönlich entpuppt. Umso entsetzter gebärdet
sich Mutter Winifred, die das Versteck entdeckt und Maus erwischt hat.
Inge Müller wirkt authentisch in ihrer Rolle als die Wagner-Schwiegertochter.
Julian Birkner als Kurzer und Wolfgang versucht sein Bestes, um das fragmentierte
Stück seiner Schwester auf Regiehöchstleistung zu trimmen.
Hoppe ist es wieder einmal gelungen, den Meister, dessen Intentionen samt
Werk in einem menschlichen Licht erstrahlen zu lassen, ohne despektierlich
zu wirken. Keiner appelliert so eindringlich und erfolgreich wie Hoppe
an uns, den Genius auf den Teppich und Augenhöhe herunterzuholen
und ihn als den großen Genius auf einsamer Höh stehen zu lassen.
Fränkischer Tag – 22. Juli 2004
Eva Bartylla
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