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Kritik: "Hojotoho! Der gantze Wagner am einen Abendt"

Die Tour de Gesamtkunstwerk – Sportliche Dimensionen: Uwe Hoppes "Hojotoho! Der gantze Wagner am einen Abendt"

Auch den Wagnerianischsten unter den Wagnerianern bleiben harte Geduldsproben innerhalb des Gesamtkunstwerks nicht erspart. Wer hat nicht mitunter schon Unruhe verspürt angesichts der "himmlischen Längen", zu denen ihr Musikdramatiker immer wieder findet? Schier ketzerische Gedanken haben sich da schon so manchen Theaterbesuchers bemächtigt, wenn Wotan seiner Tochter Brünnhilde im II. Aufzug der "Walküre" noch einmal die gesamte Entwicklungsgeschichte des "Ring"-Dramas erzählt: "Als junger Liebe Lust mir verblich, verlangte nach Macht mein Mut. . ." Was denkt da der Tetralogie Kundige? Richtig: "Das kenn' ich schon."
Uwe Hoppe lässt seine Brünnhilde genau dieses aussprechen. Was bekannt ist, kann abgehakt werden, denn nur so hat das Projekt "Hojotoho – Der gantze Wagner am einen Abendt" Aussichten auf Erfolg. Sensationell: Nach nur 180 Minuten ist die Tour de Wagner abgeschlossen, und jeder hat auf seine Weise Erlösung gefunden. Selten war ein Hoppe-Theaterabend(t) unter solch sportlichen Aspekten über die Bühne des Steingraeber Hof-Theaters gegangen.
Nach neun spielerischen Auseinandersetzungen mit Wagners Kosmos en détail hat sein Gegenwarts-Exeget Hoppe das Feld des Übersetzens und Neuinterpretierens fürs erste einmal verlassen. Das soll nicht heißen, dass eine Auseinandersetzung mit dem Werk nicht stattgefunden hat. Aber wie bei einer Hochgeschwindigkeitsfahrt üblich, verwischen die Konturen der Landschaft mehr und mehr, Zeit wird nicht mehr zum Raum, sondern einzig in Geschwindigkeit umgesetzt.
Für diese verzerrte Sicht auf des Meisters Dinge hat der Autor ein Rahmenszenario in den erforderlichen sportlichen Dimensionen geschaffen. Senta Daland – wer so heißt, muss einen Wahn haben – ist Wagners Musik verfallen. Ihre Familie, die daran schier verzweifelt, sucht nach Heilungsmöglichkeiten. Ein gewisser Doc Holländer weiß Rat: Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug. Senta – und mit ihr der Zuschauer – muss also mit Wagners musikdramatischem Werk Stück um Stück konfrontiert werden, um von ihm geheilt zu werden. Also, lasst uns Wagner spielen. . . Auch wenn in der Rahmenhandlung das "Holländer"-Drama erzählt wird, hat sie unverkennbar Feigenblattcharakter. Die unabänderlich voranschreitende Zeit fordert ihren Tribut, und so reiht sich Werk an Werk bis zum finalen Erlösungsmoment. Senta ist geheilt und gönnt sich einen Urlaub bei Brahms, die anderen aber, ja die sind vom Wagner-Virus vollends infiziert.
Dieses Ende, bei dem Senta als Parsifal die nach Erlösung Heischenden ersticht, um unter den Klängen von Brahms' Opus 100 sich selbst den Dolchstoß zu versetzen, mutet an wie ein Stilbruch, der vom Autoren noch einmal überdacht werden sollte. Ist das nun die Parodie der Tragödie in Vollendung, oder endet das Stück vielmehr als Tragödie der Parodie? Zumindest wird die Rahmenhandlung vollends ins Absurde verkehrt, indem auch sie ihr Wagnerianisches Finale bekommen hat.
Vielleicht ist's Hoppes Entschuldigung gegenüber dem Meister, dessen Werk er zuvor so sportiv komprimiert und akzeleriert hat. Allerdings mit der Grandezza des Kenners und dem Bühneninstinkt des routinierten Theatermannes. Man hat nämlich in jedem Fall sein Vergnügen an den Digest-Versionen der Opern. Die Komik vollzieht sich auf einer solchen Vielzahl von Ebenen, dass dem parsifalesken Wagner-Greenhorn ebenso virtuose Unterhaltung geboten ist wie dem, der nur noch auf Nuancen in der Interpretation achtet. Dies ist dem Autoren in einer solchen Perfektion gelungen, dass man kein Prophet sein muss, um dieser Parodie eine überregionale Bühnenkarriere vorauszusagen. Zumal in einem Zeitalter, da Rekorde und Superlative längst auch auf den Bühnen dominieren.
Hoppes jüngstes "Kind" bietet weitere ideale Voraussetzungen für eine solche Karriere: Geringes Personenarsenal – nur fünf Darsteller, kein bühnentechnischer Aufwand, jede Menge Anspielungen auf die Gegenwart sowie brillanter Stilpluralismus. Die frankonisierten "Meistersinger" als vielleicht witzigste Nummer des Abends auf einen in seinen Bildern trotz aller Brechung tiefsinnigen "Tristan" markieren die Pole, zwischen denen sich die Parodie bewegt.
Der Regisseur Hoppe lässt dem Spiel mit den Assoziationen auch bei der szenischen Umsetzung freien Lauf. So manches Bild aus berühmten Inszenierungen wird lebendig – man denke nur an das wie bei Heiner Müller Rücken an Rücken lehnende Liebespaar Tristan und Isolde. Was man mit nur ganz wenigen Ausstattungsmitteln an szenischer Präsenz erreichen kann, demonstrieren Ronald Kropfs scheinbar so simples, aber genial multiples Bühnenbild (Schrank, Tisch, Stühle, Bett) und seine hervorragende Lichtgestaltung. Gleiches gilt für die wunderbar karikierenden Kostüme von Heike Betz, die nie die Grenze zur Geschmacklosigkeit überschreiten.
Und noch eines zeichnet diese Studiobühnen-Uraufführung aus: Fünf phänomenale Darsteller, von denen einer ganz und gar nicht vorgesehen war – der Autor selbst. Er musste ganz kurzfristig für den erkrankten Christian Schmidt einspringen, den wir trotzdem möglichst bald wieder auf der Bühne sehen wollen. Hoppe zieht alle Register seiner Komik, so dass man nicht weiß, was man mehr bewundern soll: Seine Reich-Ranicki-Beckmesser-Karikatur, seinen Prolo-Hunding, seine parfümierte Freia oder oder oder. . .
Die Vielzahl der Rollen lässt alle Schauspieler über sich selbst hinauswachsen. Stefan Masel gefällt durch die zahlreichen leisen Zwischentöne, die er seinen Figuren angedeihen lässt ebenso wie mit den lauten und hohlen, wenn er etwa seinen König Heinrich mit donnernden GröFaZ-Allüren mimt. Hervorragend in das Ensemble fügt sich Jörg Wilhelm ein: ein draufgängerischer großer Blonder mit Magie in seinem Ausdruck und obendrein erfreulich guter Naturstimme.
Einen ihrer phänomenalsten Theaterabende liefert Johanna Rönsch: Alberich, Mime, Isolde, Senta, Elsa – keine Rolle, mit der sie sich nicht identifizieren könnte, der sie nicht absolute Glaubwürdigkeit verliehe. Ohne solche Profession würde vieles an diesem Abend nicht so pointiert wirken. Alexandra Ackermann schließlich zeigt einmal mehr ihr Allroundtalent. Als geifernde Ortrud überzeugt sie ebenso wie als verführerische Venus oder als tumber Riese.
Die Tour de Wagner endet heftigst beklatscht, ohne Dopingskandal und mit einem strahlenden Sieger Hoppe. Einzig dem sogenannten Bundeskulturbeauftragten sollte man die Existenz dieses Stücks verschweigen. Nicht auszudenken, zu welchen Kürzungssuperlativen er sich angesichts eines solch sportlichen Theaterabends noch hinreißen ließe. . .

von Alexander Dick
Nordbayerischer Kurier – 1999
Bayreuth

 

Der ultimative Einführungsvortrag – Hoppe-Paraphrasen, die zehnte oder: "Hojotoh! Der gantze Wagner an einem Abendt" – Premiere am 10. Juli

Ob er in Jubiläumsstimmung sei, handle es sich schließlich doch um seine zehnte Wagner-Paraphrase. Uwe Hoppe muss erst nachzählen – stimmt! Tatsächlich, mit dem "Ring des Liebesjungen" fing es seinerzeit an, und nun folgt inzwischen Nummer zehn. Die bislang wahrscheinlich ungewöhnlichste ihrer Art, soviel lässt sich schon jetzt eine Woche vor der Uraufführung von "Hojotoho! Der gantze Wagner an einem Abendt" am 10. Juli im Steingraeber-Hoftheater prognostizieren.
Hojotoho! – das ist nicht nur Synonym für Wagners Metasprache, es fungiert in Uwe Hoppes jüngstem Opus auch gleichsam als Leitmotiv. Alle Wagner-Opern und -Musikdramen an einem Abend, so etwas dürfte in der Tat ein Novum sein. Dass dabei natürlich naturgemäß einiges an Inhalten auf der Strecke bleibt, bleiben muss, ist dem Autor klar. Wichtigste Erkenntnis also: Uwe Hoppes zehnte Beschäftigung mit Wagner auf der Bühne wird weniger Paraphrase denn Parodie sein. Des notwendigen Substanzverlustes ist sich der Autor voll im klaren. "Die Komik", sagt er, "entsteht dabei eigentlich durch die Kürze." Und die ist enorm, ein Beispiel: Der zweite Aufzug "Tristan" wird sage und schreibe zweieinhalb Minuten in Anspruch nehmen – ungewöhnlich für Wagner, ungewöhnlich auch für Hoppe.
Wie kommt man dazu, sich auf ein solch geradezu abenteuerliches, Guinness-Buch-verdächtiges Unterfangen einzulassen? Die Idee sei schon während seiner Studienzeit bei Carl Dahlhaus geboren, aber immer wieder an diversen Hindernissen gescheitert, sagt Hoppe. "Und eigentlich bin ich ja gegen Digest-Fassungen." Aber der Reiz daran bestand trotzdem, zumal Hoppes Auseinandersetzung mit Wagners ›22uvre nahezu auf allen Ebenen bereits stattgefunden hat. Nun hat Hoppe als Rahmenhandlung für Wagners Werke-Querschnitt ein ganz ungewöhnliches Szenario ausgewählt. Oder ist es vielleicht sogar eine überaus gewöhnliche Geschichte? Da ist Senta Daland(!), Tochter einer Familie, die in einer Stadt lebt, in der es eine Matrosengasse(!) gibt. Wer so heißt, muss ja zur Wagnerianerin werden und damit auch noch den Rest der ganzen Familie tyrannisieren. Ein Psychiater wird konsultiert, doch Senta spricht immer nur in Wagner-Zitaten, und der Arzt lässt sich darauf ein. Und so beginnt ein Spiel, das sämtliche Wagner-Opern in Kürzestfassung zum Gegenstand hat. "Vielleicht ist das der ultimative Einführungsvortrag", scherzt der Autor.
Wie es endet? Mit einem für den bekennenden Wagnerianer ungewöhnlichen Fazit. Denn die Protagonistin entschließt sich, erst einmal auf Wagner-Diät zu gehen. Ausgerechnet mit Brahms op. 100, der berühmten A-Dur-Violinsonate, deren erster Satz im Hauptthema dem von Walthers Preislied so auffallend ähnelt. . .
Natürlich will Hoppes Parodie auch ein Stück über den Umgang mit Kultur sein, aber, so sagt er: "Der unterhaltende Charakter hat dieses Mal Vorrang." In der Tat wird es viel Wagner-Musik im Original geben – das heißt Aufnahmen, nicht selten aus Bayreuth. Die Akteure werden die Musikbeispiele selbst abspielen, denn die gan(t)ze Handlung trägt sich ja in einem Wohnzimmer zu. Ronny Kropf zeichnet für das Bühnenbild verantwortlich, Heike Betz für die Kostüme. Diese nehmen schon quantitativ einen nicht unbeachtlichen Raum ein, Hoppe spricht von gut 70 Stück, gilt es doch nicht wenige Figuren aus Wagners Kosmos zu verkörpern.
Johanna Rönsch wird in die Rolle der Wagner-süchtigen Senta schlüpfen, in weiteren Partien sind zu sehen: Alexandra Ackermann, Stefan Masel, Christian Schmidt und Jörg Wilhelm. Sie alle bestreiten ein Wagner-Programm, wie es in diesem Umfang selbst auf dem Hügel nicht zu erleben sein dürfte. Allerdings auch nicht in jener aphoristischen Kürze.
Uwe Hoppe: Hojotoh! Der gantze Wagner an einem Abendt. Uraufführung auf dem Hof-Theater im Steingraeber-Palais am 10. Juli, 20 Uhr.
Der Mythos im Wohnzimmer: Christian Schmidt (Fricka), Stefan Masel (Wotan) und Alexandra Ackermann (Fafner) spielen ein bißchen "Rheingold".

von Alexander Dick
Nordbayerischer Kurier – 1999
Bayreuth


Ein Bayreuther "Parsifal" im Eilzugtempo – Auf dem Weg zum Kultstück: Uwe Hoppes "Hojotoho" vor der Wiederaufnahme

Dass Wagner-Inszenierungen sich in Bayreuth mitunter länger halten als anderswo, ist bekannt. Somit wäre Uwe Hoppes "Hojotoho! Der gantze Wagner am einen Abendt" im jetzt dritten Jahr vielleicht gerade einmal als pubertierendes Work in progress anzusehen. Dass das Stück, das am nächsten Samstag im Steingraeber-Hoftheater seine Wiederaufnahme erfährt, zu einem jährlich wiederkehrenden Dauerbrenner wird, liegt ganz im Sinne seines Autoren Uwe Hoppe.
"Wir hatten im letzten Jahr einen noch größeren Erfolg als im Premierenjahr", sagt Hoppe, so dass viele Kartenwünsche nicht hätten befriedigt werden können. Die Probenarbeit bereite in diesem Jahr irrwitzigen Spaß, es sei spannend zu beobachten, wie sich die einzelnen Passagen entwickelten und veränderten. "Der Parsifal" wird paradoxerweise jetzt zum schnellen Stück", befindet der Autor amüsiert.
Wie erklärt sich Hoppe den großen Erfolg dieser Wagner-Parodie aus seiner Feder, die im Unterschied zu vielen früher geschriebenen Paraphrasen eher dem Reader's-Digest-Prinzip huldigt? Das Publikum kokettiere eben mit leichter Kost, und sei's nach dem Fast-Food-Prinzip, sagt Hoppe wertfrei.
Zu den Veränderungen gegenüber dem Vorjahr zählt eine Umbesetzung: In die Rolle des Doc Holländer schlüpft Horst Möller-Joop. Weiterhin gibt's auch unterhalb des Hügels einen neuen Drachen. Das Zeug zum Kultstück hat die Parodie natürlich auch ohne den. In Helsinki wird das Stück in Kürze nachgespielt werden. Alles Hoppner oder was?

adi
Nordbayerischer Kurier – Samstag, 07.Juli 2001
Bayreuth


" Wirre Handlungen im Schnelldurchlauf entwirrt "


Würzburg "Meistersinger" dauert 17 Minuten, "Parsifal" sogar nur 14 Minuten. Ganz anders der "Ring", der es auf sagenhafte 54 Minuten bringt. Die Relationen stimmen also. Nur dass die Besucher von Uwe Hoppes Wagner-Parodie "Hojotoho – der gantze Wagner am einen Abendt" nicht fünf Stunden Sitzfleisch für eine Wagner-Oper, sondern nur zweieinhalb Stunden für fünf Opern plus Ring mitbringen müssen. Rein rechnerisch gesehen ist das ein enormer Zeitgewinn.
Bereits seit 1999 zeigt die Studiobühne Bayreuth die Verballhornung. Hoppe kennt keinen Respekt, legt im Theater in der Bibrastraße seinen Finger in offene (bei "Parsifal" allzu offene) Wunden. Da werden Libretto-Schwächen gnadenlos aufgedeckt (Vater Daland wiederholt stupide sein "Wie, höre ich recht"), wirre Handlungsknoten im Schnelldurchlauf entwirrt (2. Norne: "Alberich wohnt bei seinem Sohn Hagen, das ist der Stiefbruder von König Gunter und Prinzessin Gutrune") und Wagners Melodien im Zapp-Modus ratzfatz durchlaufen.
Damit das alles nicht zu trocken wirkt, wechseln die fünf Schauspieler Kostüme, Rollen und Dialekt im Minutentakt. Irgendwann schwirrt einem der Kopf, doch schon kommen die männlichen Walküren "hojotoho"-säuselnd und auf pinkfarbenen Staubwedeln reitend im Dirndl auf die Bühne gehüpft, und das ist auf jeden Fall witzig. Besonders gelungen sind die "Meistersinger" ("Hits und Schlager live aus Nürnberg") mit Gastauftritten von Corinna May und Marcel Reich-Ranicki. Stolzing kriegt ein rotes Herzchen als Flicken aufs Knie geklebt, und die Meistersinger sind gar nicht so ehrbar, sondern eine zünftig-klüngelnde Stammtisch-Runde.
Nach der Pause allerdings wird es schwerfälliger. Noch immer reiht Hoppe Gag an Gag, doch manches geht in Richtung Klamauk, manches wiederholt sich. Es wird gemordet und geliebt, Auftritt, Abtritt, Mitleid wissend, Kuss und Erlösung, irgendwie ist das doch immer dasselbe. In der Kürze liegt die Würze, rein rechnerisch wären vier Opern in zwei Stunden ein noch größerer Zeitgewinn gewesen.

von Ruth Betz
MainPost – 11. November 2002