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Pressestimmen zu "Typisch Bayreuth: Nachts sind alle Franken blau"

Du bist Bayreuth!
„Typisch Bayreuth” in der studiobühne oder: Liebeserklärung der etwas anderen Art

Farbenfroh und schrill: Die Revue „Typisch Bayreuth – Nachts sind alle Franken blau!” erlebte am Samstag, den 25. Februar 2006 in der ausverkauften studiobühne eine furiose Uraufführung.

Was, bitte schön, ist Lebenslust? Sonne im Herzen tragen, mal alle Neune gerade sein lassen, auf den Putz hauen. Die ersten Sonnenstrahlen nutzen für einen Espresso im Freien. Nicht zu meckern, wenn es an der Tür klingelt, obwohl man doch niemanden eingeladen hat. Mal freundlich zu schauen am Morgen. Über sich selbst und mit anderen lachen können. Souveränität, Entspannung, Dynamik. Großzügigkeit im Handeln, Freiheit im Denken.

Und was, bitte schön, ist Bayreuth? Das Gegenteil!

Zu dieser Feststellung könnte der geneigte Zuschauer kommen, der sich die neue Bayreuth-Revue „Typisch Bayreuth – Nachts sind alle Franken blau!” aus der Feder von Hans Martin Gräbner (Musikalische Leitung, Komposition) und Uwe Hoppe (Regie/Bühne/Choreografie), die am Samstagabend in der studiobühne Bayreuth ihre Uraufführung erfuhr, einverleibt. Allerdings hätte dieser Zuschauer dann nur einen ziemlich oberflächlichen Eindruck mit nach Hause genommen. Und einen falschen obendrein.

Denn Hoppe, Gräbner und das lustvoll agierende Team der studiobühne haben abermals eine hintersinnige Taktik angewandt, um der Stadt, in der sie leben und arbeiten – ihrem Bayreuth und unserem Bayreuth also -, eine eindrucksvolle Liebeserklärung ins Stammbuch zu schreiben. Sie lästern lustvoll über die Menschen, die hier leben. Lassen sich aus über deren Unzulänglichkeiten, ihre Eigenarten, ihre Sprache, ihre Engstirnigkeit. Sie zeichnen ein (Alles-andere-als-)Idealbild des Homo bayreuthicus, das einen zum Schmunzeln zwingt und zum (Vor)-Urteil zwingt. Bayreuth, sagen sie, schafft jeden. Und wenn es die Bayreuther selbst sind, die einen zur Kapitulation bringen.

Aber wer will schon die perfekte, heile Welt?! Wer fühlt sich denn wohl im Beisein vordergründig „perfekter” Menschen? Spannend, prickelnd, authentisch wird es doch erst dann, wenn wir uns den kleinen Schwächen, den Fehlern, dem Anderssein zuwenden. Wenn wir die alltäglichen Reibungspunkte der Zwischenmenschlichkeit aufspüren, an den widersprüchlichen Oberflächen kratzen, aufzeigen, wo’s menschelt. Und wir uns in der Folge als Teil dieser unperfekten, aber gerade deshalb wunderbaren kleinen Welt outen.

Im Grunde haben Hoppe und Gräbner im Kleinen das gelebt, was einige teuer bezahlte Werbegurus mit der Kampagne „Du bist Deutschland” getan haben. Doch während diese uns genötigt haben, den Erkenntnisgewinn über lauter Frohbotschaften und ein Übermaß an Vorbild-Abbild zu erarbeiten, indem uns Günther Jauchs, Oliver Kahns oder Xavier Naidoos zum Wir-Gefühl verhelfen, schaffen Hoppe & Gräbner Solidaritäts-Bewusstsein über den (ungleich spaßigeren) Umweg der Neckerei. Gleichwohl erzielen sie, mit einem Bruchteil des Geldes, das für die „Du”-Kampagne aufgewendet worden war, denselben Effekt: Wir können gar nicht anders als uns zu diesem Bayreuth, zu diesen Bayreuthern zu bekennen. So gesehen erscheint der alte Spruch „Bayreuth

Die Art und Weise, wie Hoppe und Gräbner uns diesen bewusstseinsverändernden Cocktail einverleiben, ist einmal mehr typisch studiobühne. Spartanisch die Verpackung – die Revue spielt in einem tristen Einheitsraum mit dem Charme jener Muffkneipe, die wir alle kennen – kreativ die Wahl der Kostüme (Heike Betz).

„Kuldur” und „Brodwärschd”

Das geniale Moment dieses Abends besteht darin, dass die Musikstücke noch nicht mal eigens für diese Revue geschrieben wurden, sondern sich aus dem „Best of” dreier Vorgängerrevues der Herren Hoppe & Gräbner zusammensetzt. Dass daraus dennoch ein neues, schlüssiges und spaßiges Ganzes wird, liegt daran, dass Hoppe flugs eine neue Rahmenhandlung geschaffen und zusammenhaltende Zwischentexte geschrieben hat. Die Handlung in aller Kürze: Wir – das sind einige Extrem-Bareider und Auswärtige – sind in der Kneipe, einem Zufallsort. Und sinnieren bei ein paar Bier (und später in Faschingskostümen) über Bayreuth und die Bareider, über die Festspiele und das Leben danach. Über „Kuldur” und „Brodwärschd”, Intrigen und Eigenheiten. Gewürzt mit „a wengla” Wahlkampf und ein paar Seitenhieben der jüngeren Vergangenheit, ja. Die große Furcht mancher Bayreuther Protagonisten aber, Thema in der Revue zu werden, ist unbegründet. Kaum einer ist konkret wiedererkennbar. Es sei denn, er geht ganz ehrlich mit sich um. Denn dann ist jeder Bayreuther Gegenstand dieser Show. 26 Lieder, starke zwei Stunden lang. Kostprobe gefällig? „Eine Stadt voll Charme und Wärme//Recht und schlecht und mittendrin//Mir zerreißt es die Gedärme//Leuchten hier doch auch die Sterne//Nur man sieht nicht gerne hin.”

Das Hoppe’sche Bayreuth-Melodram lebt natürlich auch und vor allem durch die Sänger und Schauspieler. Sie agieren forsch und lustvoll, wenn auch stimmlich nicht immer lupenrein. Aber das erwartet auch niemand. Ihr Einsatz, die passgenaue, durchdachte Choreografie, die Lust am Spielen macht jede stimmliche Baisse wett. Herauszuheben aus der starken Truppe sind Birgit Franz, die eine mürrische Wirtin mimt und in jeder Phase des Stücks gewinnend agiert. Aber auch Johanna Rönsch (der Elvis von Bayreuth) mit ihrer markanten Bassstimme, Wolfram Lang (der Neger), und Evelyn Tischer (die Nonne) sind eine feste Bank in einem insgesamt starken Team. Dezent im Hintergrund, dafür aber live und bestechend gut, agieren Hans Martin Gräbner (Klavier), Georg Hofmann (Bass) und Ronald Kropf (Schlagzeug); ihr quirrliges musikalisches Feuerwerk macht beste Laune.

Was nehmen wir also mit nach der Uraufführung der Revue „Typisch Bayreuth” am Samstagabend in der studiobühne, die vom Publikum frenetisch beklatscht wurde? Wir können fürwahr zufrieden sein. Dass es Bayreuth gibt und die Bayreuther. Und eine Bühne, die dieses Bayreuth so sehr liebt, dass sie uns die vielen, netten, sympathischen Schwächen der Menschen lustvoll aufs Brot schmiert. Ein köstliches Vergnügen für alle Bayreuther und jene, die’s werden wollen. Und eine Pflichtveranstaltung für all jene, die Bayreuth hassen müssen, um es zu lieben. Auch solche soll’s ja geben. Nicht nur zur Faschingszeit.

Nordbayerischer Kurier – 27. Februar 2006
Gert-Dieter Meier

 

Typisch Bayreuth: Nachts sind alle Franken blau ...

Uwe Hoppe und Hans Martin Gräbner haben ihre schönsten Songs in einem neuen Stück vereint.

Dass Christoph Marthaler und Anna Viebrock im letzten Festspielsommer oben am Grünen Hügel werkeln und wirken durften, hat die Studiobühne Bayreuth etwas weiter unten nicht ruhen lassen. Für die Jubiläumsspielzeit – die Studiobühne feiert in dieser Saison ihr erstes Vierteljahrhundert – und pünktlich zum Faschingsausklang hat Uwe Hoppe mit Hans Martin Gräbner eine Bayreuth-Revue herausgebracht, die gewisse Anklänge an Arbeiten der beiden genannten Festspielkünstler gewiss nicht leugnet.

Was eine Kneipe (nicht nur) im Fränkischen auszeichnet, ist bekanntlich ihre Trostlosigkeit. Hier ist es ein mit Billigholz ausgekleideter Raum – die Fensterreihe samt langer Bank rechts, die Theke links, nackte Glühbirnen und mittendrin geht’s pfeilgrad zum Abort. In diese Oase der Gemütlich- und Gastlichkeit verschlägt es eine Busladung von Menschen unterschiedlichen Alters, insgesamt achtzehn Leute, darunter waschechte Bayreuther, aber auch solche, die es nie werden wollen.

Nachdem die mürrische Wirtin sich hat breitschlagen lassen, der bunt zusammengewürfelten Gästeschar wenigstens „a Seidla“ und später sogar „a Poa Brodwärschd“ zu kredenzen, geht es auch schon los mit der durchaus sperrigen Liebeserklärung an Bayreuth, die zwischen Dialekt-Unterricht, dem berühmt-berüchtigten Bayreuther Fasching, Weihnachtsfest, Wagnerwonnen und Wagner-Rap, dem großen Intrigen-Song, einer kollektiven Beinahe-Vergewaltigung im Rausch und dem kleinen Liebesglück scheinbar gar nichts auslässt. Selbst „Heimat, deine Berge“ darf nicht fehlen, obwohl letztere in und um Bayreuth (sprich: Ba- reid, mit deutlicher Betonung der letzten Silbe) nicht sonderlich hoch sind. Insgesamt sind es 26 Musiknummern, die aus den drei bisherigen Bayreuth-Stücken des Teams Hoppe/Gräbner aus den Jahren 1991, 2001 und 2004 hier recycelt werden – überwiegend mit Gewinn.

Was wie fast immer bei Uwe Hoppe umgekehrt auch heißen will, dass die Zusammenstellung insgesamt etwas zu lang geraten ist. Ein paar Gesangsnummern weniger, eine strengere Auswahl hätte dem Stück vor allem gegen Ende gut getan. So stellt sich bei all dem Witz und Aberwitz doch zuweilen der Eindruck ein, dass sich einiges unnötig wiederholt.

Dass der Frohsinn mehrfach bewusst durchhängt, versteht sich von selbst in einem „Kaff am Rand der Welt“, wo die Baustellen immer nur zu einer ganz bestimmten Jahreszeit verschwinden und man anders als in Bamberg lieber die Abrissbirne holt, um a weng a schöne Stadt zu sein. Merke: „A weng, bloß a weng, von allem a weng. A weng a wengala a weng, aber kosten derfs nix.“

Die von Heike Betz trefflich kostümierten Sängerschauspielertänzermusiker der Studiobühne geben ned bloß a weng, sondern alles. Was so viel ist, dass eigentlich die Namen aller Mitwirkenden hier hoch rühmend aufgezählt werden müssten. Weil aber a weng Platz fehlt, sei Felicity Grist hervorgehoben: die Kleinste im Ensemble, die den Seppl gibt und auch ohne Solonummer mindestens so gut ist wie die altbewährten Kräfte.

Fränkischer Tag – 1. März 2006
Monika Beer