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Pressestimmen zu "Her den Ring! Wagners Ring ganz durch! "

Wotan schlägt Purzelbäume
Wagner etwas anders: Spaß mit der studiobühne bayreuth

Den etwas anderen Wagner führt die Bayreuther studiobühne seit 25 Jahren vor. Diesmal hieß es: «Her den Ring! – Wagners Ring ganz durch». Premiere war im Hoftheater der Bayreuther Klavierfabrik Steingraeber.

Schon 13 Tage vor der Premiere zum «Ring» nach Bayreuth? Wer für das Original keine Karten hat und keine Zeit, vier lange Abende abzusitzen, fährt nicht in Richtung Festspielhaus, sondern zur Friedrichstraße. Dort heißt nichts nach Wagner, sondern alles nach Jean Paul, dort braucht man keinen Smoking und ist in zweieinhalb Stunden fertig. Denn im Hof des barocken Steingraeber-Hauses spielt Universalgenie Uwe Hoppe seit 25 Jahren seinen etwas anderen Wagner, diesmal den «Ring ganz durch».

Die «Wagner reloaded»-Fassung hat alle wichtigen Personen der Handlung, hat alle vier Teile, und im Programmheft ist als Mitwirkender «Der Bär» besonders fett gedruckt: Man sieht, Hoppes Produktionen (früher schon einmal der «gantze Wagner an einem Abendt») nehmen Wagner nicht immer ganz ernst, aber fast beim Wort. Denn Hoppe mischt in seinem Text für die studiobühne bayreuth munter Wagner und sich selbst, parodiert, interpretiert. Was man bei manchen Inszenierungen oben auf dem Grünen Hügel nie verstanden hat, hier unten in der Stadt kann Hoppe alles erklären, alles sagen, wonach ihm ist.

Alles auf Anfang

Zum Beispiel: «Aus, es ist aus» am Ende des «Götterdämmerungs»-Akts, alles liegt in Trümmern. Hoppe lässt eindringlich fragen: «Muss erst die Welt untergehen, damit eine neue, bessere entstehen kann?» Und der Anlass für sein «Her den Ring»-Spiel ist: «Fangen wir noch einmal von vorne an. Machen wir alles anders.» Aber nichts wird in diesem Hoppe-Ring anders gemacht, die Handlung entwickelt sich mit soviel Tempo und vermeintlicher Logik, dass niemand die Stelle findet, wo der Hebel umgelegt werden könnte. Schließlich auch Brünnhilde nicht, als ihr die Walkürenschwester den verfluchten Ring abfordert.

Bis dahin ist auch der Auswendig-Kenner des Originals atemlos der temporeich dahinjagenden Aufführung gefolgt. Die sieht zwar im rauchigen Untergangsszenario ziemlich nach Studentenulk aus, hat aber weitgehend ohne Wagners Musik großartige, eindrucksvolle Momente. Dazu gehört sicher nicht das Tandaradei von Schaumkronen und Flusspferden am Grunde des Rheins. Kurz darauf aber der Streit um das geraubte Gold zwischen Göttern und Riesen. Die sind mit Hilfe von viel Stoff ganz schön lange Kerls und haben flotte Sprüche drauf: «Quatsch keine Opern, Bruder», sagt Fafner zu Fasolt und haut ihm den Vorschlaghammer auf den Kopf.

Akrobatischer Siegfried

Wer immer Mühe hatte, «Siegfried» als «Scherzo» des «Ring» zu begreifen, hier lacht man lauthals über einen auch sprachlich wuseligen Mime (Hartmut Thurner) und einen akrobatischen Siegfried (Arkadij Dell), über schnelle Verwandlungen und einen eindrucksvoll gemeuchelten Drachen (Daniel Ganzleben). Hoppe hat auch Szenen und Personen eingefügt, die man sonst nie sieht: die von Alberich vergewaltigte Kriemhild, den jungen Hagen.

«Leichen pflastern ihren Weg»: das stimmt, wenn die Götter nach Walhall einziehen, das stimmt auch für diesen ganzen «Ring», bei dem 140 Minuten «Rheingold» zu einer halben Stunde schrumpfen. Wotan (Dominik Kern) schlägt vor Freude zwar einen Purzelbaum, stürzt schließlich aber doch samt zerschlagenem Speer, Brünnhilde gelingt eine anrührende Todverkündigung, und der Walkürenritt, natürlich ist er für die theaterbesessenen Leute von der studiobühne ein gefundenes Fressen. «Pust, pust, schmelz, schmelz» fertig ist das Schwert, kaum haben sich die Schauspieler umgebracht, sind sie als Rheintöchter schon wieder auf der Bühne. Viel Spaß, viel Ernst unten in Bayreuth: absolut sehenswert!

Nürnberger Nachrichten – 16. Juli 2007
von Uwe Mitsching

Am Anfang war der Weltenbrand

Über das Ende der Welt zu reden ist in Zeiten wie diesen kein bloßes Hirngespinst mehr. Der Weltenbrand gehört nicht mehr nur der Theaterbühne, sondern steht, wenn auch blumig verquast, auf der Tagesordnung der Politik. Klimakatastrophe, Terrorismus, kriegerische Auseinandersetzungen, Ressourcenknappheit: Es steht, bei Lichte betrachtet, nicht gut um Mutter Erde. Insofern ist Richard Wagners Endzeitdrama „Der Ring des Nibelungen” ein gern gespieltes Werk. Denn der „Ring” ist der kongeniale Urstoff aller Niedergangsszenarien. Korrupte Götter, tragische Helden, abgrundtiefer Hass, brennende Liebe, grausamer Tod alles drin in diesem zeitlosen Katastrophen-Füllhorn. Uwe Hoppe liebt diesen „Ring”. Und diesen Wagner. So sehr, dass der Bayreuther Regisseur, Autor und Schauspieler, der vor 25 Jahren das Steingraeber Hoftheater mitbegründet hat, sich nun schon zum dritten Male über die Tetralogie hermacht. Am Samstag war Uraufführung von „Her den Ring Wagners Ring ganz durch”. Hoppe bedient sich bei dieser „Ring”-Deutung zunächst eines furiosen dramaturgischen Konzepts: Er dreht das Stück einfach um. Stellt den Weltenbrand, die „Götterdämmerung”, an den Anfang. Und erzählt die Geschichte in Form einer Rückblende. Das Bestechende: Das Konzept geht auf. Man kann diesen „Ring” also auch rückwärts deuten.

Aus! Es ist aus

Donner und Blitze, Rauch, einstürzende Bauten, dramatische Musik, Todesangst. Weiß gekleidete Menschen irren herum, fallen übereinander her. Todesangst grassiert, Endzeitstimmung: „Aus! Es ist aus. Die Welt geht unter. Endgültig. Unwiederbringlich. Muss erst die Welt untergehen, damit eine neue, bessere entstehen kann? Warum?”, fragen die Menschen verzweifelt. Um dann ins Grübeln zu kommen. Sie fragen, wann man hätte eingreifen können, müssen, um das Ende zu verhindern. Sie fragen, an welchen Stellen was falsch gelaufen ist. Wer anders hätte handeln können. Wie alles angefangen hat. Sie nehmen plötzlich das Stück in die Hand und entscheiden, durchaus mutig: „Fangen wir noch mal von vorne an. Machen wir alles anders.”

Mutmacherstück?

Hoppes „Ring” bemerkenswert: obwohl stark eingedampft, ist die Geschichte am Ende rund, schlüssig und fast komplett ist also ein Mutmacherstück. Freilich nur auf den ersten Blick. Denn beim abermaligen Durchspielen der Götterintrige machen alle wieder die gleichen Fehler. Wieder geht die Erde unter. Abermals dann das Aufbegehren der Menschen, die in Todesangst zur Rettung der Erde mahnen, wieder von vorne beginnen wollen. Und auch beim folgenden Kurzdurchlauf wieder scheitern. Wir lernen also: Mensch, du bist zu dumm für diese Aufgabe. Und das Streben nach Macht ist selbst bei den Göttern größer als alle Vernunft, ja: als der Selbsterhaltungstrieb.

Wotan als Bad Guy

Der Bad Guy des Hoppe'schen Endzeit-Jojos ist Wotan, Chef der korrupten Götterwelt. Wie er tickt? So: „Ich will nur noch, dass es aufhört. Das Ende soll kommen. Sei alles vernichtet, was lebt und liebt”. Dominik Kern gibt ihm auf beeindruckende Weise, was Hoppe ihm auf den Leib geschrieben hat: Durchtriebenheit, Skrupellosigkeit, Gefühlskälte, Machtgeilheit, Frauenfeindlichkeit, Weltenhass, Pessimismus. Er knüpft die Fäden in diesem bösen Spiel, geht über Leichen, opfert jeden, um sein Ziel zu erreichen. Selbst jene, die ihm nahe stehen. Die schauspielerischen Höhepunkte des Pause eingerechnet knapp dreistündigen, intensiven Abends: Zum einen Hartmut Thurner als Mime. Einfach fantastisch, wie schrullig, eklig, witzig und verdorben er den seltsamen Zwerg mimt, der Siegfried erzieht. Hoppe hat dieser Figur im übrigen auch sprachlich noch eine superbe Extra-Portion Skurrilität mitgegeben, indem er ihn ständig, am Satzende, Schlüsselworte wiederholen lässt. Kostprobe: „Du bist doch kein Tier, Tier…Ich bin ein Zwerg, Zwerg”. Gleichfalls eine reife Leistung: Der Siegfried von Arkadij Dell. Dell gab dem unbedarften Helden nicht nur durch seine eigene Jugend eine authentische, sondern durch grandiose Beweglichkeit eine fast schon leistungssportliche Note. Einen so hoch springenden, so kraftvoll agierenden und dabei klar artikulierenden Kraftprotz erlebt man nicht alle Tage. Johanna Rönsch als Brünnhilde bildet das krasse Gegenstück zum tumben Toren Siegfried. Nachdenklich, weise, mit böser Vorahnung erfüllt bringt sie eine in sich zerrissene, wissende Ober-Walküre auf die Bühne. Aber auch alle übrigen Schauspieler Alexandra Ackermann, Barbara Dörfler, Rita Hausberger, Elisabeth Mügge, Michaela Sonntag, Martin Betz, Daniel Ganzleben, und Waldemar Zimmermann, die allesamt Doppelrollen zu spielen hatten legen sich mächtig ins Zeug, um Hoppes Energie geladenes, bewegungsintensives und bisweilen lautstark bellendes Regiekonzept (Bühne: angesichts der Raumnot und der finanziellen Mittel ein hervorragender Job: Michael Bachmann; Kostüme: Heike Betz) mit erfrischender Dynamik auszustatten.

Wagner und neue Musik

Natürlich erklingt an diesem Abend viel Wagner aus der Retorte. Aber eben nicht nur. Helmut Bieler, Andreas Golembiowski, Hans Martin Gräbner, Ronald Kropf und Thomas Wagner steuern bisweilen verstörende, aber genau deshalb gut passende neue Musik ein, um das Geschehen akustisch zu unterstützen. Gesungen nämlich wird bei diesem „Ring”, der in Stakkato-Zitaten immer wieder die thematische Nähe zu Tolkiens Erfolgsstory „Herr der Ringe” betont, nicht. Aber man sieht: Der „Ring” funktioniert auch ohne Gesang. Ein furioser, verstörender, zum Nachdenken anregender, Mut machender und doch zur Sorge (um die Welt) Anlass gebender Theaterabend, den das Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall belohnt. Witzig, durchtrieben und durchdacht. Derb bisweilen in der Wahl der Worte, unmissverständlich in der Aussage. Bewegungsintensiv, laut schreiend und dann wieder voller Stille. Ein echter Hoppe eben. Ein gelebtes Stück Off-Theater. Und damit ein wunderbarer Gegenentwurf zum „großen Ring” auf der großen Bayreuther Bühne. Sollte man gesehen haben!

Nordbayerischer Kurier – 16. Juli 2007
von Gert-Dieter Meier

 

Gefangen in Wagners Hamsterrad

Die Studiobühne präsentiert eine neue „Ring“-Version von UweHoppe, die man erlebt haben muss. Zwölf Darsteller in Mehrfachrollen überzeugen in großer darstellerischer Intensität – und teils sogar mit artistischem Können.

Download PDF hier

Fränkischer Tag – 16. Juli 2007
Monika Beer